Messtechnik & Qualität

Messschieber richtig ablesen: Nonius, Abbe-Fehler und Prüfung

Thema: Messtechnik & Qualität

Ein Messschieber misst Außen-, Innen-, Tiefen- und Stufenmaße mit einem Schieber, der auf einer Schiene mit Hauptskala gleitet. Beim Nonius liefert der Nullstrich die vollen Millimeter und der Noniusstrich, der sich mit einem Strich der Hauptskala deckt, den Bruchteil. Wie genau das Ergebnis ist, bestimmen Fehlergrenze, Messkraft und Handhabung, nicht die feinste Teilung.

Eine Digitalanzeige mit zwei Nachkommastellen oder ein Nonius mit 0,02 mm Teilung legt nahe, ein Messschieber messe auf Hundertstelmillimeter genau. Die Teilung sagt aber nur, wie fein abgelesen wird. Wie weit der Wert vom tatsächlichen Maß abweichen darf, beschreibt die Fehlergrenze, und ob sie eingehalten wird, hängt stark von der Handhabung ab.

Aufbau: Schiene, Schieber und vier Messarten

Mitutoyo beschreibt den Messschieber unter Bezug auf DIN EN ISO 13385-1 als Messgerät für Innen- und Außenmaße, bei dem sich ein Schieber gegenüber einer Skala auf einer stabilen Schiene bewegt. Die Schiene trägt Hauptskala und festen Messschenkel, der Schieber den beweglichen Messschenkel, Nonius, Messuhr oder Digitalanzeige und meist eine Feststellschraube.

Die Außenmessschnäbel erfassen Wellen und Dicken, die schneidenförmigen Innenmessschnäbel Bohrungen und Nuten. Die Tiefenmessstange tritt am Schienenende aus, die Stirnflächen von Schiene und Schieber dienen der Stufenmessung. Für Nuten und Absätze mit breiter Auflage passt ein Tiefenmessschieber mit Messbrücke besser.

Das Nonius-Prinzip bei 0,05 mm und 0,02 mm

Der Nonius ist eine kurze Hilfsskala, mit der zwischen den Millimeterstrichen interpoliert wird. Beim Nonius 1/50 teilen 50 Striche eine Länge von 49 mm. Jeder Teil misst 0,98 mm, also 0,02 mm weniger als ein Millimeter. Verschiebt sich der Schieber aus der Nullstellung um 0,02 mm, deckt sich Noniusstrich 1 mit einem Hauptstrich, bei 0,04 mm Strich 2.

Für 0,05 mm teilten frühe Messschieber nach Mitutoyo 19 mm in 20 Noniusteile. Heute verteilt der lange Nonius 20 Teile auf 39 mm, jeder 0,05 mm kürzer als zwei Millimeter. Die Ziffern 1 bis 10 eines Nonius 1/50 stehen meist für Zehntelmillimeter. Abgelesen wird mit senkrechtem Blick, weil Hauptskala und Nonius in verschiedenen Ebenen liegen.

Eigenes Ablesebeispiel Schritt für Schritt

Wir nehmen einen Messschieber mit Nonius 1/50 an. Der Nullstrich steht knapp hinter Strich 23 der Hauptskala, und mit einem Hauptstrich deckt sich Noniusstrich 17, zwei Striche nach der Ziffer 3. Daraus folgt 23 mm + 17 × 0,02 mm = 23,34 mm.

Nonius 1/50 in vier Schritten ablesenNonius 1/50 in vier Schritten ablesenHauptskala auf der Schiene, Teilung 1 mm203040506070012345678910Noniusskala auf dem Schieber: 50 Teile auf 49 mmNullstrich nach 23 mm1Volle mmLinks vomNullstrich:23 mmStrich 17 deckt sich2DeckungNoniusstrich 17trifft einenHauptstrich3Bruchteil17 × 0,02 mm= 0,34 mm(Ziffer 3 + 2)4Ergebnis23 mm + 0,34 mm= 23,34 mm
Eigene maßstäbliche Grafik mit angenommenem Messwert. Die Nachbarstriche 16 und 18 liegen nur 0,02 mm daneben und wirken fast deckungsgleich.

Die Ablesung Schritt für Schritt

Nonius 1/50 in vier Schritten ablesenNonius 1/50 in vier Schritten ablesenHauptskala auf der Schiene, Teilung 1 mm203040506070012345678910Noniusskala auf dem Schieber: 50 Teile auf 49 mmNullstrich nach 23 mm1Volle mmLinks vomNullstrich:23 mmStrich 17 deckt sich2DeckungNoniusstrich 17trifft einenHauptstrich3Bruchteil17 × 0,02 mm= 0,34 mm(Ziffer 3 + 2)4Ergebnis23 mm + 0,34 mm= 23,34 mm

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  1. Der Nullstrich des Nonius steht zwischen 23 und 24 mm. Die vollen Millimeter links von ihm ergeben 23 mm.
  2. Gesucht wird der Noniusstrich, der sich mit irgendeinem Strich der Hauptskala deckt, hier Strich 17. Die Zahl der Hauptskala an dieser Stelle spielt für das Ergebnis keine Rolle.
  3. Jeder Noniusstrich steht für 0,02 mm: 17 × 0,02 mm = 0,34 mm. Gleichwertig ist die Ziffer 3 für 0,30 mm plus zwei Striche zu je 0,02 mm.
  4. Volle Millimeter und Bruchteil werden addiert: 23 mm + 0,34 mm = 23,34 mm. Über die Genauigkeit dieses Werts sagt die Ablesung allein nichts aus.

Ein häufiger Fehler ist, die Zahl der Hauptskala an der Deckungsstelle zu übernehmen: Der Strich 40 hat mit dem Messwert nichts zu tun. Beim langen Nonius 1/20 ergeben Nullstrich nach 12 mm und Deckung bei Strich 7 entsprechend 12 mm + 7 × 0,05 mm = 12,35 mm. Beim Uhrenmessschieber zeigt die Schiene die vollen Millimeter und das Zifferblatt den Bruchteil, im Beispiel von Mitutoyo 16 mm + 0,13 mm = 16,13 mm.

Teilungswert, Ziffernschrittwert und Fehlergrenze

Skalenteilungswert und Ziffernschrittwert beschreiben die kleinste ablesbare Stufe, die zulässige Messabweichung ist eine eigene Angabe. Ein Herstellerdatenblatt nennt für einen digitalen 150-mm-Messschieber einen Ziffernschrittwert von 0,01 mm und eine Fehlergrenze von 0,03 mm. Die letzte Anzeigestelle ist also kein Genauigkeitsnachweis.

DIN 862:2015-03 legte Grenzwerte für Messabweichungen von Messschiebern mit Teilungswert 0,1 mm, 0,05 mm oder 0,02 mm und mit Digitalanzeige fest. Die zurückgezogene Norm wurde durch DIN EN ISO 13385-1:2020-03 ersetzt. Diese behandelt die Abweichung bei Teilmessflächenberührung E, begrenzt durch EMPE, sowie für Innen-, Tiefen- und Stufenmessflächen die Abweichung durch Versatz S, begrenzt durch SMPE. Die Konformität beurteilt sie mit Messunsicherheit und Entscheidungsregel; Grundlagen liefert der Beitrag zur Messabweichung.

Digitale Messschieber mit absolutem Maßstab müssen laut Mitutoyo nur nach einem Batteriewechsel neu genullt werden. Wer mit einem Span zwischen den Messflächen nullt, verschiebt alle folgenden Werte um dessen Dicke.

Abbe-Prinzip und typische Bedienfehler

Nach dem Abbe-Prinzip sollen zu messende Länge und Maßverkörperung fluchten. Beim Messschieber liegen Skala und Messstrecke parallel versetzt, das Prinzip ist also verletzt: Kippt der Schieber, entsteht an den Messflächen ein Weg, den die Skala nicht erfasst. Mitutoyo nennt als Einflüsse das Führungsspiel, den Abstand zwischen Skala und Werkstück und die Messkraft; ganz vermeiden lässt sich der Fehler nicht.

In einem Rechenbeispiel von Mitutoyo sind die Messschenkel um 0,01 mm auf 50 mm geneigt. An der Spitze 40 mm langer Schnäbel ergibt das 40 mm × 0,01 mm / 50 mm = 0,008 mm, an einer Messstelle 10 mm vor der Schiene (eigene Ergänzung) nur 0,002 mm. Werkstücke gehören deshalb nahe an die Schiene. Bei der Messschraube liegt die Spindel in Messrichtung; sie ist die Alternative, wenn die Fehlergrenze des Messschiebers zu grob ist.

BedienfehlerWirkungGegenmaßnahme
Zu hohe oder wechselnde MesskraftKippen, Streuung, eingedrückte weiche TeileGleichmäßig und mäßig andrücken; eine Konstantkraft-Einrichtung fehlt meist.
Schräg angesetzte SchnäbelAußenmaß zu groß, Bohrungsmaß zu kleinAußen und bei Nuten das Minimum, in Bohrungen das Maximum suchen.
Messen an der SchnabelspitzeGrößerer KippanteilNahe der Schiene messen, Innenschnäbel tief einführen.
Kleine BohrungenZu klein, bei 5 mm laut Mitutoyo 0,009 bis 0,047 mmEin geeigneteres Innenmessmittel wählen.
Warmes WerkstückMaß größer als bei 20 °CTemperatur angleichen lassen.

Eigene Abschätzung: Ein Stahlteil von 100 mm, das 10 K wärmer ist als der Messschieber bei 20 °C, misst mit rund 10 · 10⁻⁶/K etwa 0,01 mm mehr. Mitutoyo nennt für den Maßstab (10,2 ± 1) · 10⁻⁶/K, ähnlich wie bei Stahl.

Pflege, Prüfung mit Endmaß und Auswahlliste

Mitutoyo empfiehlt, Gleit- und Messflächen vor Gebrauch trocken abzuwischen, nach Gebrauch Wasser und Öl zu entfernen und Korrosionsschutzöl aufzutragen. Gelagert wird ohne direkte Sonne und hohe Feuchte, nicht mit ganz geschlossenen Messflächen. Ruht ein Digitalgerät länger als drei Monate, wird die Batterie entnommen.

Die PTB-Richtlinie DKD-R 4-3 Blatt 9.1 beginnt die Kalibrierung mit der Nullstellung. Parallelendmaße werden quer zur Längsrichtung der Messflächen eingelegt, an einer Position an drei Punkten der Messschenkel (innen, Mitte, außen), an mindestens zwei weiteren an zwei Punkten. Innenmessflächen prüft ein Einstellring, Tiefen- und Stufenmessung ein Endmaß auf ebener Auflage, möglichst mit gleicher Messkraft. Eine Werkstattprüfung nach diesem Muster ersetzt keine Kalibrierung mit Messunsicherheit; den Unterschied erklärt der Beitrag zu Kalibrierung, Justierung und Prüfung.

  • Messaufgabe klären: Außen-, Innen-, Tiefen- oder Stufenmaß, Länge und Form der Schnäbel.
  • Fehlergrenze statt Anzeigestelle mit der Toleranz vergleichen; bei engen Toleranzen die Prüfmittelfähigkeit nachweisen.
  • Anzeige wählen: Nonius ohne Batterie, Uhr oder digital; bei Kühlschmierstoff die Schutzart beachten, etwa IP67 nach DIN EN 60529.
  • Vor dem Messen: Messflächen sauber, Nullpunkt geprüft, Werkstück und Messschieber temperaturgleich.
  • Regelmäßig: Außenmessung mit Endmaßen an mehreren Stellen, Innen-, Tiefen- und Stufenmessung gesondert prüfen.

Quellen und fachliche Einordnung

Primärquellen, geprüft am 08.11.2026. Eigene Lehrbeispiele und schematische Grafiken. Die Normen sind nur über Titel, Geltungsbereich und Inhaltsverzeichnis ausgewertet; der Zahlenwert für die Fehlergrenze stammt aus dem genannten Herstellerdatenblatt.

Patrick Mehner

Patrick Mehner aus Mittweida hat seine Optimum BF 20 selbst auf CNC umgerüstet und erklärt auf cnc-modellbau.org CNC-Technik für den Modellbau – von G-Code über CAD bis zur Messtechnik.

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